„Die Extreme von Gut und Böse“ Cicero

Ich muss Ihnen jedoch erklären, wie diese irrige Vorstellung, Vergnügen zu verdammen und Schmerz zu preisen, entstanden ist. Ich werde Ihnen das System vollständig darlegen und die wahren Lehren des großen Erforschers der Wahrheit, des Baumeisters des menschlichen Glücks, erläutern. Niemand lehnt Vergnügen an sich ab, weil es Vergnügen ist, sondern weil diejenigen, die nicht wissen, wie man Vergnügen vernünftig genießt, äußerst schmerzhafte Folgen erleiden. Ebenso wenig gibt es jemanden, der Schmerz an sich liebt, verfolgt oder begehrt, weil er Schmerz ist, sondern weil gelegentlich Umstände eintreten, unter denen Mühe und Schmerz ihm großes Vergnügen verschaffen können. Um ein banales Beispiel zu nennen: Wer von uns treibt schon anstrengenden Sport, ohne sich davon einen Vorteil zu versprechen? Doch wer hat das Recht, jemanden zu tadeln, der ein Vergnügen genießt, das keine unangenehmen Folgen hat, oder einen Schmerz vermeidet, der kein Vergnügen nach sich zieht?

Andererseits verurteilen wir mit gerechter Empörung und Abscheu jene, die sich so sehr von den Reizen des Augenblicks verführen und demoralisieren lassen, so sehr von ihren Begierden geblendet sind, dass sie den Schmerz und die Mühe nicht vorhersehen können, die unweigerlich folgen werden; und ebenso tadelnswert sind jene, die aus Willensschwäche ihre Pflicht vernachlässigen, was nichts anderes heißt, als dass sie vor Mühe und Schmerz zurückschrecken. Diese Fälle sind vollkommen einfach und leicht zu unterscheiden. In einer freien Stunde, wenn unsere Entscheidungsfreiheit uneingeschränkt ist und uns nichts daran hindert, das zu tun, was wir am liebsten tun, ist jede Freude willkommen und jeder Schmerz zu vermeiden. Doch unter bestimmten Umständen und aufgrund von Pflichten oder geschäftlichen Verpflichtungen kommt es häufig vor, dass Freuden zurückgewiesen und Unannehmlichkeiten in Kauf genommen werden müssen. Der Weise hält sich daher in diesen Angelegenheiten stets an dieses Auswahlprinzip: Er verzichtet auf Freuden, um sich größere Freuden zu sichern, oder er erträgt Schmerzen, um schlimmere Schmerzen zu vermeiden.